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>> Der erste Todestag
 
...denn eigentlich ging keiner fort, mit einer Geste, mit einem Wort,
mit irgendeiner Eigenart bleibt er in unserer Gegenwart.



Das vergangene Jahr. Es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich sehe heute vieles mit ganz anderen Augen. 

In dem Buch „Du fehlst mir, Du fehlst mir!“ wird eine Geschichte über eine ganz alte Seele beschrieben, die unbedingt noch einmal auf die Erde wollte, obwohl sie wusste, dass sie nur für kurze Zeit da sein kann. Ich glaube Lars war so eine alte Seele. 

In der so kurzen Zeit, die er bei uns war, hatte er uns viel Freude gemacht. 

Manchmal, wenn ich heute an die vergangenen Jahre zurück denke, frage ich mich, ob Lars nicht vielleicht gewusst hatte, das er nicht lange bei uns bleiben kann. 

Alles was er unternahm oder sich vorgenommen hatte, hatte Hand und Fuß. Es musste alles gleich und sofort sein.. 

Mit 15 Jahren machte er den Mopedschein, mit 17 den Führerschein für Auto und Motorrad. 

Sein Traum irgendwann mal ein Motorrad, mit dem er auf große Fahrt gehen kann. 

Kurz nach seinem 18. Geburtstag haben wir ein Gebrauchtwagen für Lars gekauft und er ist stolz mit seinem Auto unterwegs gewesen. Ich bin froh, dass wir es getan haben. So konnte er wenigstens fast ein Jahr damit fahren. 

Wir haben manchmal gesagt – du musst doch nicht alles auf einmal machen, du kannst dir das doch einteilen – aber er hatte sich nicht davon abbringen lassen. 

An das Jahr 2000 denke ich nur sehr ungern zurück. Es hat Lars und auch der ganzen Familie kein Glück gebracht. 

Die Erinnerungen an die vielen Wochen auf Intensiv- und Chirurgie. Das ständige Auf und Ab. Die großen Hoffnungen auf Besserung – das große Entsetzen den Kampf verloren zu haben.... der Fall in ein riesengroßes Loch. Leere........ 

Ich soll den Sarg – die Urne—die Kleidung - für mein Kind heraussuchen. Es geschieht alles automatisch. Nachdenken—nein nachdenken—darf man nicht. 

Es kommen viele Bekannte, Verwandte und möchten ihr Beileid ausdrücken, aber verstehen—verstehen—tue ich nichts. 

Ich kann nicht mehr essen, ich kann nicht mehr schlafen, ich sitze apatisch da. Ich weiß nicht mehr wie es weitergehen soll. 

Am 2. März war das Begräbnis. Diesen Tag konnte ich nur mit Medikamenten überstehen. 

Die Anteilnahme war überwältigend. Es kamen so viele junge und alte Menschen, wie ich es noch nirgends gesehen hatte. Die ehemaligen Klassenkameraden, die Sportler aus dem Verein, die Feuerwehren aus Gohlis, Oberau und Niederau, die SHG aus Dresden, eine Vertretung vom AMD und fast das gesamte Dorf war da. Und trotzdem gab es einen kleinen Wermutstropfen. 

Die Trauerrede war für mich enttäuschend, obwohl ich nicht sehr viel mit bekommen habe. 

Es wurde so gut wie nichts von Lars erzählt, sondern nur Vergleiche gebracht. Auch wenn Lars nur 19 Jahre gelebt hatte, gibt es genug, über diese Jahre zu berichten. Aus heutiger Sicht würde ich bestimmt vieles ganz anders machen, aber vor einem Jahr war ich leider nicht in der Lage dazu. 

Dann die Tage danach. Jeder wollte mir gute Ratschläge geben. Vergrabe dich nicht- versuche wieder zu arbeiten- gehe auch wieder mal aus- also, alles im allen- ich sollte wieder zur Tagesordnung übergehen. 

Aber das geht nicht, auch wenn man es selber wollte. Es ist nichts mehr wie es war. 

Jede Nacht habe ich mich in den Schlaf geweint. Die Bilder von seinen letzten Tagen auf der Intensivstation kamen immer und immer wieder. Solche Bilder kann man nicht vergessen. 

Nach einem Jahr nun kann ich sagen, ich sehe sie nicht mehr jede Nacht, aber der Schmerz und die Trauer um Lars sind noch genauso groß. Ich habe lernen müssen mit meinen Gefühlen und Gedanken umzugehen. Ich weiß genau , wer wirklich wissen will, wie es mir geht, oder wer aus lauter Höflichkeit die Frage stellt, aber eine Antwort gar nicht haben möchte. 

Es gibt nach wie vor viele Tage an denen es mir sehr schlecht geht (wie Weihnachten, Silvester, Geburtstag und Todestag), dann finde ich Trost im Internet. Wir sind inzwischen schon sehr viele geworden (leider) und jeder hat das gleiche Schicksal, ein Kind verloren zu haben, erfahren müssen. Die tröstenden Worte zur richtigen Zeit sind ein sehr wertvolles Geschenk, was ich sehr dankbar annehme. Ich weiß nicht, wie ich sonst meinen Schmerz, meinen Kummer und meine vielen Gefühle untergebracht hätte. 

LARS du fehlst mir sehr. Ich werde dich immer vermissen.